Die Hüterin der Schwelle ~ Artemisia vulgaris ~ Der Beifuß

Der Beifuß ist uns allen bestens bekannt als wunderbare Würze für den Gänsebraten. Das hinter dieser ausdauernden, heimischen Pflanze jedoch noch viel, viel mehr steckt, wissen leider nur noch die Wenigsten. Seit Menschengedenken wird sie als vielseitige Heil- und Zauberpflanze geschätzt und eingesetzt.

Alternative Namen:

Besenkraut, Thorwurz, Gänsekraut, Machtwurz, Mugwurz, Frauenmugwurz, Johannisgürtel, Sonnwendkraut, Sonnwendgürtel, Gürtlerkraut, Buckele, Beinweichkraut, Bibiskraut, Biboz, Fliegenkraut, Parthesis (Jungfraukraut), Schoßkraut, Weiberkraut, Werzwisch, Wisch, Roter Bock, Buschenkraut, Wilder Wermut, Gewürzbeifuß, Una, Mutter aller Pflanzen

Standort:

Beifuß wächst häufig als „Un-kraut“an Straßenrändern, Zäunen, Böschungen, unbebauten Orten, Schutthalden und Ufern. Überall dort also, wo sich zwei Welten berühren- in diesem Falle Zivilisation und Wildnis. Das ist der Grund, weshalb man die Artemisia auch als „Schwellenpflanze“ bezeichnet.

Mythologie und Volkswissen:

Die Artemisia ist eine der bedeutensten Räucher- und Kultpflanzen Europas.

Ihr bevorzugter Standort an “Grenzen” ist ihre wichtigste Signatur. Die Signaturenlehre wurde besonders durch den Arzt Paracelsus (1493- 1541) weiterentwickelt unnd bekannt gemacht. Diese Lehre besagt, dass anhand der Signatur der Pflanze, sprich Blütenfarben, Pflanzenaufbau, Blattform, Standort, Geruch etc., erkennbar ist, bei welchen Krankheiten und Beschwerden sie hilft. Das Prinzip ist hierbei“Gleiches mit Gleichem zu heilen”.

Beifuß als Schwellenwächterin ist also unter anderem zuständig für alle Übergangssituationen im menschlichen Leben. Dies bestätigen die traditionelle Anwendung und moderne Erkenntnisse über die Wirkstoffzusammensetzung.

Der Beifuß spielt eine große Rolle in der natürlichen Frauenheilkunde und in den weiblichen Mysterien. Frauen hockten sich in den Rauch des Beifußes, um die weiblichen, lebengebenden Geschlechtsorgane zu reinigen und zu weihen, um die Fruchtbarkeit zu fördern oder die Geburt einzuleiten. Das räuchern der Yoni dürfte auch und vor allem nach einer Geburt stattgefunden haben, denn Beifußrauch wirkt reinigend, weshalb er im ersten Weltkrieg in zahlreichen Lazaretten verräuchert wurde. Dies hat die Luft desinfiziert. Im Mittelalter war Beifuß vor allem als Mittel gegen Dämonen bekannt und wurde zum Exorzieren verräuchert. Der Zusammenhang zwischen krankheitsverursachenden Dämonen des Mittelalters und Krankheitserregern zur Zeit des Ersten Weltkrieges ist offensichtlich.

Als typische Schwellenpflanze unterstützt Beifuß natürlich auch beim Trauern, Loslassen, Verändern oder Wandeln. Eine reinigende Räucherung mit Beifuß wirkt in emotional schwierigen Zeiten oft sehr befreiend.

Er hilft die Tore zwischen den Welten zu öffnen, weshalb er weltweit eine wichtige Rolle bei der schamanischen Arbeit spielte und spielt. Der Schamane wurde so geweiht und auf den Seelenflug vorbereitet.

Als Räucherung fördert der Beifuß zudem die Intuition und luzides Träumen. Ich verwende ihn seit Jahren mit Erfolg beim Kartenlegen. Er reinigt, fördert Visionen und schafft heiligen Raum – perfekt für spirituelle Arbeit!

Schon vor 70.000 Jahren fand Beifuß Verwendung bei Bestattungsriten, wie Funde von Neandertalergräbern im Irak belegen.

Hauptsächlich ist für die Artemisia aber die Verwendung in Geburtsriten belegt, worauf bereits ihre botanische Bezeichnung hindeutet: Die Göttin Artemis (röm. Diana) ist zum einen die jungfräuliche Jägerin, die freie, ungebundene Frau, die nachts durch die Wälder streift. Sie ist Herrin der wilden Tiere, Heilkräuter und Heilkräuterkundigen. Zum anderen ist sie aber auch die Beschützerin der Frauen und besonders der Geburt. Ihr war und ist der Beifuß geweiht. Ein Grund, weshalb sich viele moderne Kräuterfrauen zu dieser Göttin hingezogen fühlen.

Die wohl bekannteste Darstellung der Artemis findet sich in Ephesos. Hier wird sie als lebensspendende, fruchtbarkeitsbringende Göttin mit vielen Brüsten dargestellt.

Angeblich wurde in der Antike der Gebärenden von der Weisen Frau und Hebamme ein Büschel Beifuß in die linke Hand gegeben, damit bei der Geburt die Schutzpatronin der Mütter, Artemis, anwesend sei. Ebenfalls soll die Lagerstätte und der Raum beim Übergang des neuen Lebens in diese Welt mit dem Kraut ausgeräuchert worden sein, so wie man Beifuß wohl auch im Wochenbett fand. Dies ist aus heutiger Sicht sehr sinnvoll, denn die ätherischen Öle des Beifußes wirken antibakteriell und fungizid, schützen also Kind und Mutter vor lebensgefährlichen Infektionen.

Einem antiken Mythos zufolge war Diana (also Artemis) diejenige, die die Heilwirkungen der drei Artemisia-Arten Beifuß, Wermut und Estragon als erste entdeckte. Sie übergab sie dem heilkundigen Kentauren Cheiron, welcher sie als erster medizinisch anwandte und sie den Menschen lehrte. Er bildete auch Asklepios aus, den Gott des Heilwesens.

Artemis wurde im antiken Griechenland auch als “Bärengöttin” bezeichnet. “Una” wird der Beifuß im angelsächsischen Neunkräutersegen genannt, was “Bärin” bedeutet. Interessanter Zusammenhang, oder?

Der Beifuß zählt auch zu den sogenannten Johanniskräutern. Das sind Kräuter, die im Volkstum mit Johanni, der Sommersonnenwende in Verbindung gebracht werden. Er spielt in vielen Volksbräuchen zur Sommersonnenwende eine wichtige Rolle. Die Sommersonnenwende stellt in unserem Kulturkreis den Übergang, also die Schwelle, von der hellen zur dunklen Jahreszeit dar. In vorchristlicher Zeit war dieses Ereignis ein Grund zum Feiern. Viel von dem alten Brauchtum hat sich auch während der Vorherrschaft des Christentums in Volksbräuchen erhalten. Dieses alte Jahreskreisfest fällt auf den meteorologischen Sommeranfang in der Mitte des Juni.

Die Artemisia wurde als Gürtel um die Hüfte getragen und nach dem Sonnenwendtanz ins Feuer geworfen um alles Schlechte und Negative zu vertreiben (siehe auch die Eigenschaft des Beifußes als reinigende Räucherpflanze). Alternativ wurden die Gürtel oder auch andere Beifußpflanzen zu Kränzen gewunden und in die Ställe gehangen, um dort das Vieh vor Krankheit und Zauberei zu schützen. Ebenfalls dürfte das Kraut zu diesen Zwecken verräuchert worden sein.

Dieser Brauch scheint noch aus alter, germanischer Zeit zu stammen. Der Donnergott Thor besitzt den Kraftgürtel Megingjardr, der seine Kraft für den Kampf gegen die Riesen verdoppelt und der aus dem Gürtlerkraut geflochten gewesen war. An der Kraft dieses Gürtels und der Kraft des Stärksten unter den Asen wollte man mit dem Symbol des Sonnenwendgürtels aus Beifuß teilhaben.

Generell soll der Beifuß die bedeutenste Ritualpflanze bei den Germanen gewesen sein. Es ist überliefert, dass man das frische Kraut über einen Kranken strich und anschließend verbrannte. Auch hier kommt wieder die reinigenden Eigenschaft des Krautes, wie auch seine Bedeutung bei Übergängen (hier von krank zu gesund) deutlich zum Vorschein.

Bei-fuß“ wird das Kraut genannt, da es im Schuh getragen den Wanderer (auf der Reise zwischen zwei Orten, ähnlich dem Schamanen) vor Fußschmerzen, Müdigkeit, sowie Hunde- und Schlangenbissen schützt- so berichtet der Volksglauben. Die Wurzel als Amulett getragen, soll Kraft und Gesundheit verleihen.

Medizinische Anwendung:

Die Artemisia vulgaris wird aufgrund ihres Gehaltes an Bitterstoffen und ätherischen Ölen den Amara aromatica zugeordnet. Davon lässt sich nicht nur die medizinische Wirkung ableiten, sondern sogar die überlieferte kultische Verwendung erklären!

Als Vertreterin der Amara aromatica wirkt sich die Artemisia sehr positiv auf Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes aus. Durch die enthaltenen Bitterstoffe wird die Magensaftsekretion angeregt und dadurch die Verdauung gefördert. Dies bedeutet nicht, dass man Durchfall bekommt, wie viele Menschen sofort annehmen! Es bedeutet vielmehr, dass dem Körper die notwendigen Stoffwechselprozesse leichter fallen. Leichterer Stuhlgang, Beseitigung von unangenehmen Blähungen, Hilfe beim Entschlacken und Abnehmen, Erleichterung der Eisenaufnahme im Darm, Verbesserung der Fettverdauung und eine allgemeine Verbesserung des Wohlbefindens sind die positiven Wirkungen des Beifußes.

Täglich zwei warme Tassen am besten ca. 30 Minuten vor den Mahlzeiten getrunken, über ca. 3 Wochen lang, sollten ihre Wirkung nicht verfehlen.

Schwangere sollten diese Teekur nicht anwenden, da Beifuß die Menstruation fördert und Fehlgeburten auslösen kann. Für werdende Mütter gibt es geeignetere Kräuter um die Verdauung zu unterstützen.

Ich selbst würze meine Speisen gern mit Beifuß. Fleischgerichte, Nudelsoßen, Reispfannen und noch viel mehr trägt bei mir den würzig-herben Geschmack der Beifußpflanze. Auch das kurbelt die Verdauung an – etwas, das jeder Mensch der Industrienationen gut gebrauchen kann. Sie werden sich wundern, wie viel Energie Sie haben, wenn Ihre Verdauung richtig funktioniert!

Das ätherische Öl wirkt antibakteriell und fungizid – eine ebenfalls wohltuende Wirkung für unser Gedärm. Innerlich angewendet kann die Pflanze bei Darmpilz (Candida albicans) Linderung verschaffen, wenn zusätzlich die Ursache des Darmpilzes bedeitigt und die Ernährung entsprechend angepasst wird.

Auf langen Fußmärschen empfiehlt es sich, einige frische Beifußblätter in die Strümpfe zu legen und zwar mit der hellen Seite zum Fuß hin. Die hellere Unterseite der Blätter hat Fettpuderwirkung und beugt so schmerzenden, müden Füßen und besonders Blasenbildung vor.

Ein Beifußfußbad wirkt nach solch langen Wanderungen ebenfalls wohltuend. Die Duchblutung der müden Beine wird dadurch angeregt.

Ein Fußbad mit Beifußzusatz erwärmt und energetisiert aber auch den weiblichen Unterleib und kann so die Fruchtbarkeit der Frau erhöhen. Der Beifuß wird nicht umsonst als “Schoßkraut” bezeichnet. Er ist praktisch ein gynäkologisches Allheilmittel und kann als Sitz- oder Fußbad, als Tee oder als Medizinalwein (ferner als Räucherung) angewendet werden und ist bei jeder Art von Frauenleiden (außer bei ohnehin zu starker Regelblutung) ein guter Rat. Er wirkt fruchtbarkeitsfördernd und ist in der Lage eine ausbleibende oder zu schwache Regel in Gang zu bringen. (Emmenagogum = Mittel, dass die Menstruationsblutung fördert) Ebenfalls kann er das Ausstoßen der Nachgeburt fördern und als Abortivum verwendet werden. (Schwangere also auf Beifuß verzichten!) Er kann auch vor der Geburt als Tee getrunken werden, da er die Wehentätigkeit anregt. Sprechen Sie dies am besten vorher mit Ihrer Hebamme ab.

Diese Pflanze ist vom Wesen her sehr heiß, also nicht bei akuten Fiebererkrankungen verwenden!

Als Fußbad wirkt Beifuß wegen seiner erwämenden Art unterstützend bei beginnenden Erkältungen und Angina sowie Nasennebenhöhlenentzündung, Blasenentzündung, Ausfluss und ständig kalten Beinen.

In TCM findet der Beifuß als Moxakraut Verwendung. Bei der seit etwa 6.000 Jahren praktizierten Moxatherapie wird durch Abbrennen von Beifuß auf oder über Akupunkturpunkten der Energiefluss im Meridiansystem des menschlichen Körpers angeregt.

Teezubereitung

2 leicht gehäufte Teelöffel getrocknetes oder frisches Kraut werden mit einer Tasse kochendem Wasser übergossen. Ca. 10 Minuten ziehen lassen, abseihen und gut warm (nicht heiß!!) schluckweise trinken.

Am besten eine Tasse vor dem Frühstück und eine zweite ca. 30 Minuten vor dem Mittagessen.

Anwendung nach etwa 3 Wochen beenden. Sie können nach einer Pause von 2 – 3 Wochen erneut beginnen.

Suchen Sie bitte immer zuerst einen guten Arzt oder Heilpraktiker auf, bevor Sie sich mit Kräutern selbst behandeln!

Wenden Sie Beifuß bei einer bestehenden Korbblütlerallergie nicht an. Für Sie gibt es noch genügend andere Pflanzen.


 

Quellen:


 

Bühring, Ursel; Praxis-Lehrbuch der modernen Heilpflanzenkunde, Sonntag Verlag, 2005

Fischer-Rizzi, Susanne; Medizin der Erde, AT Verlag, 2005

Golther, Wolfgang, Handbuch der Germanischen Mythologie, marixverlag, 2004

Pahlow, Apotheker M.; Das große Buch der Heilpflanzen, Weltbild, 2006

Storl, Rätsch, Ebeling; Hexenmedizin, AT, 1999


 

Dieser Text ist Eigentum von Jenny Oehme

21. Oktober 2010